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"Man muss sehr wach sein, um gut träumen zu können. Auch für ein Luftschloss kommt es auf den Architekten an." Karlheinz Deschner, deutscher Schriftsteller *1924

Interview

Die Wohnung als Spiegel der Seele

Über die Wechselwirkung zwischen Wohnraum und Wohlbefinden

::: Ist der Zusammenhang zwischen dem Zustand unserer Wohnungen und unserem seelischen Befinden tatsächlich so direkt, können wir also durch einen Blick in unsere Häuser und Wohnungen wie in einem Spiegel etwas über uns erfahren?

Die Wohnung drückt tatsächlich aus, wie wir uns momentan fühlen. Das liegt daran, dass wir - überwiegend unbewusst - je nach unserer Gemütslage Spuren hinterlassen. Ich will das mal an einem ganz einfachen Beispiel deutlich machen: Wenn wir uns gut und ausgeruht fühlen, fällt es uns leicht aufzuräumen, Licht und Luft in die Wohnung zu lassen, ein paar frische Blumen auf den Tisch zu stellen usw. Stellen Sie sich umgekehrt vor, Sie kommen nach der Arbeit nach Hause, sind völlig geschafft, lassen die Aktentasche gleich im Eingang stehen (um dann später darüber zu stolpern), machen sich gerade noch etwas zu essen, haben aber keine Energie mehr, das Geschirr wegzuräumen (und ärgern sich am nächsten Morgen über die schmutzige Küche). Sie lassen dann die Zeitung und die Post, die Sie gerade aus dem Briefkasten geholt haben, irgendwo liegen. Später meldet sich dann das schlechte Gewissen und mahnt an, doch nun endlich die Rechnungen zu bezahlen und die Steuererklärung fürs Finanzamt fertig zu machen. Nach und nach hinterlässt so die Müdigkeit und Energielosigkeit, die wir empfinden, ihre Spuren und baut Barrieren auf, die uns im wahrsten Sinne des Wortes im Wege stehen.

::: Können wir daraus auch den Umkehrschluss ziehen? Können wir also durch eine bewusste Gestaltung unserer Wohnungen unser Befinden beeinflussen?

Ja, wer nicht bewusst mit seinem Umfeld umgeht, gestaltet es unfreiwillig nach seinem momentanen Zustand. Wer bewusst herangeht und sich den Zusammenhang einmal klar gemacht hat, kann durch die Arbeit am Umfeld auch etwas an seinem Bewusstsein verändern.

::: Mal Hand aufs Herz. Haben Sie in Ihrem Büro oder Ihrem Haus denn keine Stapel mit unerledigtem Papierkram oder Kisten, in die all das hineinkommt, mit dem man gerade nichts anzufangen weiß?

Nur in sehr geringem Umfang. Zugegebenermaßen gehört dazu ein gewisses Maß an Disziplin, das ich auch nicht immer aufbringe. Wichtig ist, zu begreifen, was eigentlich hinter gewissen Gewohnheiten steckt, beispielsweise Dinge für Jahre in Kisten zu verstauen, in die keiner mehr schaut, oder Stapel mit unerledigten Papieren auf dem Schreibtisch anzuhäufen. Im Feng Shui wird ein Haus, eine Wohnung oder ein Schreibtisch in neun verschiedene Bereiche gegliedert. Es kann einem quasi die Augen öffnen, wenn man erkennt, in welchem dieser Bereiche sich die Unordnung negativ bemerkbar macht.

::: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Was zunächst banal klingt, ist durch die uralte chinesische Erfahrungswissenschaft des Feng Shui in zahllosen Beispielen belegt. Menschen, die zum Beispiel immer wieder den Bereich "Hilfreiche Menschen" zu wenig mit Leben füllen, indem sie die in diesem Teil liegenden Zimmer kaum nutzen oder in diesem Abschnitt des Schreibtisches besonders unliebsame Arbeiten längere Zeit liegen lassen, sollten sich nicht wundern, wenn die hilfreichen Menschen aus ihrem Leben mehr und mehr verschwinden.

::: Welches sind die wichtigsten Kriterien, die eine gute Wohnung erfüllen sollte?

Es geht vor allem darum, dass der so genannte Chi-Fluß, also die positive Energie, im Gebäude zirkulieren kann. In der Praxis kann das so aussehen, dass eine Wohnung möglichst hell gestaltet wird und keine Barrieren oder dunklen Ecken hat. Eher ungünstig sind beispielsweise Grundrisse mit langen dunklen Fluren im Gegensatz zu einer offenen Bauweise. Wichtig ist auch der Eingangsbereich. Denn dort entscheidet sich, wie viel Energie von Außen ich überhaupt in meine Wohnung lasse. Oft zu wenig beachtet werden auch Treppen und Treppenhäuser. Zum einen sollten diese nicht zu eng und dunkel sein, zum anderen empfehle ich Treppen mit Tritt- und Setzstufen, durch die man beim Hinaufgehen nicht hindurchsehen kann. Leider sind derzeit jedoch vor allem sehr filigrane Treppen in Mode. Doch wenn Sie einmal genau beobachten, so werden Sie feststellen, dass Kinder und Tiere solche Treppen eher meiden.

In seinem Wohnzimmer sollte man alles vermeiden, was unnötige Unruhe hineinbringt. Wer das Wohnzimmer zum Entspannen nutzen möchte, sollte darauf achten, sich einen Platz zum Hinsetzen zu schaffen, an dem er sich sicher fühlt, der ihm Stabilität gibt. Das kann eine Sitzgruppe sein, die sich an eine Wand anlehnt und etwas sichtgeschützt ist, wenn es sich um einen offenen Wohnbereich handelt. Allgemein zu vermeiden sind Pflanzen oder Blumen mit welken Blättern oder abgestorbenen Teilen. Auch Kunstgegenstände sollten kritisch ausgewählt werden. Fragen Sie sich, bevor Sie ein Bild aufhängen, ob das Motiv Sie wirklich positiv beeinflusst. All zu oft halten Künstler ihre eigenen Probleme in ihren Werken fest, und ich rate davon ab, sich diese in die eigenen vier Wände zu holen.

::: Viel Zeit verbringen wir ja auch im Schlafzimmer. Dort sollen sich die Menschen erholen und ausruhen, also Energie tanken. Wie kann der Schlafbereich optimal gestaltet werden, damit wir uns keinen störenden Einflüssen aussetzen?

Es gibt Dinge, die grundsätzlich nicht in ein Schlafzimmer - also ein Zimmer zum Schlafen - gehören. Das sind vor allem der Fernseher, der Radiowecker und die Stereoanlage. Zum einen verbreiten elektrische Geräte unnötigen Elektrosmog, also elektromagnetische Strahlen, die den Schlaf empfindlich beeinflussen können, vor allem wenn sie im so genannten Stand-by-Betrieb laufen. Zum anderen können sie Energien ins Schlafzimmer hineinlassen, die Unruhe statt Entspannung bringen. Das Thema Elektrosmog ist auch bei der Schlafzimmerbeleuchtung ganz wichtig. Mit einfachen Mitteln wie zum Beispiel Steckdosen, die komplett ausgeschaltet werden können, ist da schon viel zu machen. Verzichten sollte man lieber auf Halogenlampen, da diese einen Transformator benötigen. Wer die Möglichkeit hat, den Ankleidebereich aus dem Schlafzimmer herauszunehmen, sollte auch das tun. Wichtig ist selbstverständlich das Bett. Natürliche Materialien, die im Bereich der Baubiologie immer eine Rolle spielen, sind im Schlafzimmer besonders wichtig. Dazu gehört auch der Verzicht auf Metallteile am Bett oder in der Matratze. Und nicht zuletzt ist der Standplatz wichtig. Das Bett soll ein geschützter Bereich sein, in dem sich der Mensch sicher und geborgen fühlt, auch wenn die Tür aufsteht oder wenn die Rollläden geöffnet sind.

::: Mal ganz direkt gefragt: Kann die falsche Wohnung auch krank machen?

Die falsche Wohnung kann auf jeden Fall krank machen. Ich bin nur vorsichtig mit solchen Aussagen. Sie muss nicht krank machen. Wenn man seine Energie woanders her bezieht, kann man es lange Zeit in der falschen Wohnung aushalten. Die Sache ist einfach die, dass eine Wohnung, die unaufgeräumt, eng und dunkel ist, an den Batterien des Menschen zehrt. Und wenn man keine Möglichkeiten hat, das woanders auszugleichen, dann kann einen das ziemlich schnell zu Grunde richten.

::: Mit der Unsicherheit oder gar Angst mancher Menschen in dieser Hinsicht versuchen andere ja auch ihr Geschäft zu machen - möchte ich jetzt mal unterstellen. Feng Shui beispielsweise ist zu einer Art Modeerscheinung geworden. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Zum Einen finde ich es sehr schön, dass es diese neue Welle gibt, weil es das Thema bekannt macht und weil es den Menschen die Bedeutung der Wohnraumgestaltung bewusst macht. Der Nachteil ist, dass sehr viele auf dieser Welle mitschwimmen wollen, dass Dinge angeboten werden, die ich problematisch finde, und dass Berater unterwegs sind, die aus meiner Sicht fragwürdig sind. Feng Shui, das darf man nicht vergessen, ist eine Erfahrungswissenschaft. Man kann sich das Wissen darum nicht einfach anlesen, sondern muss es tatsächlich erfahren. Die Regeln sind über einen sehr langen Zeitraum in einer bildreichen Sprache und in einer ganz anderen Kultur geschrieben worden, und es ist nicht immer gleich zu erkennen, was dahinter steht. Feng Shui unkritisch nach dem do it yourself - Prinzip einfach anhand eines der zahlreichen populären Taschenbücher in der eigenen Wohnung anzuwenden, kann eine falsche Wirkung oder schlicht gar keinen Effekt haben. Zum einen kann man sehr viel unnötiges Geld ausgeben. Es werden derzeit schon beinahe an jeder Ecke so genannte Hilfsmittel angeboten, wie Glöckchen, Windspiele oder Edelsteine - die natürlich Geld kosten. Zum anderen verursachen sie, falsch angewendet, Probleme. Mich erschreckt immer wieder der Gebrauch von Edelsteinen, ohne sich - wie bei einem Medikament beispielsweise - über die Risiken und Nebenwirkungen bewusst zu sein.

::: In welcher Rolle sehen Sie sich in diesem komplexen Themengebiet mit Ihrer Arbeit?

Ich arbeite zum einen als Berater und sehe meine Aufgabe darin, Dinge für Menschen aufzuspüren, die sie nicht mehr wahrnehmen, weil sie sich daran gewöhnt haben. Solche Untersuchungen mache ich sowohl in Privathäusern und -wohnungen als auch in Firmen. Denn auch dort, oder gerade da, haben sich mit den Jahren Barrieren eingeschlichen, die den gesamten Betriebsablauf und damit das Geschäft behindern. Der zweite große Bereich ist das Entwerfen und Umsetzen von Neu-, Um- und Anbauten. Mein Schwerpunkt sind Gebäude zum Leben und Arbeiten. Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, den Menschen ihr eigenes Haus zu bauen und nicht ein Objekt, das gerade dem Zeitgeist entspricht oder einem festgelegten Architekturstil. Wissen Sie, jeder Mensch braucht sozusagen seinen individuellen Grundriss aufgrund seiner Lebensgewohnheiten. Und deshalb sehe ich die Lehre des Feng Shui - auch wenn ich sie mir neben anderen Dingen zur Grundlage meiner Arbeit gemacht habe - nicht als starres Regelwerk, sondern als ein Gedankensystem, das einen dazu anregt, über die Dinge nachzudenken.

::: Wie sind Sie als Bauingenieur denn eigentlich in diesen Bereich vorgedrungen. Ich empfinde es als eher ungewöhnlich, dass jemand, der aus einem sehr technisch orientierten Beruf kommt, sich mit solchen Fragestellungen beschäftigt.

Während des Architekturstudiums habe ich festgestellt, dass es noch mehr geben muss außer dem rein technischen oder künstlerischen Ansatz, um Gebäude zu planen, die den Menschen entsprechen. Dadurch bin ich zunächst zum Thema Baubiologie gekommen und habe eine Ausbildung zum Baubiologen am Institut für Baubiologie in Neubeuern gemacht. Auch dabei habe ich festgestellt, dass diese ausschließliche Orientierung an Materie zwar ein Weg ist und auch ein wichtiger Teil des Weges, nur eben nicht alles. Es wird einfach der Mensch als Ganzes nicht berücksichtigt. All die Aspekte, die auf die Psyche und auf die Seele des Menschen wirken, kann man nicht ausschließlich durch Materialwahl abdecken. Und so kam ich zur Geomantie, und Feng Shui ist ein Teilgebiet dieser Wissenschaft. Mir ist es für meine Arbeit eben wichtig zu wissen, wie die Architektur, für die ich ja die Verantwortung trage, auf die Menschen wirkt.

Buchtipp:

Günter Sator, Feng Shui - Leben und Wohnen in Harmonie, Verlag: Gräfe und Unzer, ISBN 3-7742-3738-7

William Spear, Die Kunst des Feng Shui - Optimale Energie durch Gestaltung des Lebensraums, Verlag: Knaur, ISBN 3-426-76136-X

Pierre Derlon, Die Gärten der Einweihung und andere Geheimnisse der Zigeuner , Verlag: Wilhelm Heyne, ISBN 3-453-12593-2

Redaktion:

Maria Theresia Kalem - Journalistin

Norman Heimbrodt - Architekt